Alle Jahre wieder, nein, bullshit, überhaupt mal wieder, gab es nach der Zwangspause im vergangenen Jahr ein Berlin Festival. Auf dem alten, Grössenwahnsinns-Flughafen Tempelhof fand sich also Halb-Berlin ein (ohne gegen den Krach protestierende Neuköllner versteht sich), um sich drogenabhängige Sänger und stilvoll alternde Männer reinzuziehen.
Nichts wird jemals an den Nervenkitzel deines ersten Mals heranreichen. Und das gilt für alle ersten Male, nicht nur für Sex: das erste Mal im Flugzeug, das erste Mal, wenn ein Artikel von dir veröffentlicht wird, das erste Konzert. Es sind alles Momente, die beim ersten Mal deinen Magen einmal um die eigene Achse drehen, aber danach ziemlich schnell normal werden und nur noch ein klein wenig oder gar keine Emotionen mehr herauskitzeln. „Allzu grosse Vertrautheit erzeugt Verachtung“, so sagt man, also ist es wohl nachvollziehbar, wenn mir in der Schlange zum Interview mit der 4.625-igsten Band aus New York irgendwo der Enthusiasmus abhanden gekommen ist. Im Nebel der langweiligen Standard-Bandfragen, konnte mir also nur eine Frage den Ausweg aus dem abscheulichen Grau leuchten…
Die Schweinegrippenpanik hat nun mittlerweile nicht nur Schweine und ihre nächsten Verwandten – Menschen erreicht, sondern auch Festivalbetreiber. Wie der Guardian meldet, wird erwogen, das Glastonbury abzusagen, sofern sich die Grippewelle zu einer Pandemie erweitert. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wird das Glastonbury nicht das einzige Festival bleiben. Mit anderen Worten, von ein paar illegalen Open Air-Raves und Nudistenpicknicks abgesehen, wird es möglicherweise keine größeren Zusammenkünfte unter freiem Himmel geben. Was bedeutet das? Um der Grippe-Pandemie vorzubeugen, wird das Risiko einer Langeweile-Pandemie in Kauf genommen. Sämtliche Festivalorganisatoren müssen ein Jahr lang von der Stütze leben. Und am schlimmsten: der Verdienstausfall der Musiker. Wovon sollen sie denn ihre Rubin-besetzten Klorollenhalter bezahlen und den ganzen anderen Krempel, der so zum guten Ton des Milieus gehört? Das ist unverantwortlich, wo ist der Staat, wenn man ihn wirklich braucht? Und überhaupt, Grippe beim Festival? Ich hab mich schon mit schlimmerem Mist bei solchen Veranstaltungen angesteckt.
Der Tod ist kein Dandy, der Tod ist ein bärtiger, hyperventilierender Wahnsinniger, genauer, fünf bärtige, hyperventilierende Wahnsinnige, und er ereilt uns in Form von O'Death. Diese Band reisst ihre stampfenden Punkbastarde scheinbar direkt aus dem erdigen Mutterfleisch dessen, was Folk sein könnte, wenn nicht diese ganzen betulichen Luschen ihn okkupiert hielten. Die Tatsache, dass dieses abgründige, völlig wahnsinnige Zeug in New York der neue heisse Scheiss werden konnte, zeugt davon, dass der Hype in seltenen Fällen auch mal die Richtigen auf die schweissnasse Stirn küsst. Seht's euch an und sagt hinterher nochmal, 16 Horsepower seien wild—falls ihr euch nach dem O'Death-Gig je wieder der ursprünglichen Anordnung euer Gliedmassen (und eurer Muttersprache) entsinnen könnt...
Die grossen Rock Stars haben meistens ihre eigenen Stylisten und Designer, die ihnen Outfits für die grossen Shows und ihre Musikvideos zusammenstellen. Johnny Blue Eyes hat Gossip und CSS gemacht, Christian Joy Karen O und die Klaxons. Nova Dando hat Lightspeed Champion, La Roux und eine Menge anderer aufstrebender Bands gestylt. Eines Tages wollte ich, dass mir genau diese Leute ein Kostüm anfertigen. Aber ich konnte mir das nie leisten. Was ich euch damit eigentlich sagen will ist, dass du, auch wenn du zu einer ständig abgebrannten Band gehörst, immer noch genauso abgeranzt und stylish aussehen kannst, wie genau diese Rock Stars. Lies einfach hier, wie es geht...
Was passiert, wenn man ein paar Leute auf engstem Raum in einem Tourbus einpfercht und täglich 4-10 Stunden, nicht an die frische Luft lässt? 5357 Kilometer später wird aus Platzangst Liebe und aus Langeweile (wenn das einzige Unterhaltungsprogramm schlecht aufgenommene deutsche Fernsehprogramme auf VHS-Kassetten sind) ein Musikvideo wie „Bad Advice.“ Aber seht ruhig selbst, wie Cocknbullkid, Little Boots, Thunderheist und der Rest unserer grossartigen, wenn auch verpeilten Vice Live Crew sich die Zeit zwischen den brechend vollen Partys in Hamburg, Berlin, Stuttgart vertrieben haben, bevor sie dann in Rom wieder Abschied voneinander, der Enge und dem verplanten Busfahrer nehmen mussten.
Wolfmother, Sea Wolf, Wolf (Metal aus Schweden), Wolf River, Cry Wolf und unser Lieblingsname, Blue Wolf - was zum Teufel sollen eigentlich diese ganzen Namen, mit Wolf als Bestandteil? Soll wahrscheinlich unterstreichen, wie animalisch, gefährlich und Rock’n’Roll-mässig diese Bands sind. Wenn ihr euch aber trotzdem gerne von Namen irreführen lasst und euch gerne harmlose, kleine Indiejungs aus Kanada anschaut, die genauso traurig und sensibel aussehen, wie die melancholischen Knetgummi-Alter-Egos aus ihren Videos, dann macht auf jetzt mal aufs ins Mascotte, Zürich, und kuckt euch ab 19.30 Wolf Parade an.
Falls ihr es bis jetzt verpennt habt, euch Tickets für heute Abend zu sichern, solltet ihr euch schleunigst dieses klebrige, gelbe Zeug mit einer Rasierklinge von den Augen kratzen und euch entweder noch ein Ticket für T.Raumschmiere besorgen oder gleich um 21 Uhr ins Hive, Zürich gehen. Wir wissen nicht, ob sein Kollege Warren Suicide einen blutigen oder einfach nur schwitzigen Abend anpeilt, aber das könnt ihr später ruhig selbst herausfinden.
Nada Surf spielen heute Abend ab 20Uhr im Rohstofflager Zürich. Die Nachfahren evangelischer, englischer Fundamentalisten haben heute Gott sei Dank nicht mehr viel mit Religion am Hut. Ist auch eine sinnvolle Erkenntnis, wenn die Kumpels, die bei der Beichte den Pfarrer angelogen haben, Fussball spielen durften und der kleine Daniel 300 Ave Marias herunterbeten musste, nur weil er ehrlich war. Das und warum man aus Abtreibungskliniken gleich eine Starbucks-mässige Kette machen könnte, haben uns die Jungs im Januar erzählt . Heute Abend könnt ihr euch jedenfalls selbst davon überzeugen, ob der religiöse Fanatismus sich nicht doch noch irgendwie in ihre Songs eingeschlichen hat.
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