Ich versuche, meine Karre (ja, die mit der ich von Dublin bis zur deutschen Dildo-Fabrik gefahren bin) loszuwerden. Sie bringt Strafzettel aus vier Nationen und einen richtig kriminellen Charakter mit. Aber statt jetzt einfach eine lahme Anzeige zusammenzuschreiben, dachte ich mir, ich führe ein Interview, damit potenzielle Käufer sich ein Bild davon machen können, was für eine Maschine sie sich da vielleicht aufhalsen. Wenn du der nächste, glückliche Besitzer sein willst, behalte ich auch die ganzen Strafzettel. Versprochen. Wahrscheinlich…
Vice: Hi, danke, dass du Zeit für ein Interview mit uns hast.
Conors Karre: Klar, ich habe schon immer gerne mit Vice gesprochen.
Danke. Kannst du uns ein bisschen etwas über deine ersten Jahre erzählen?
Oh, wow. Wusstest du, dass ich schon elf Jahre alt bin? Mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war. Lass mich mal sehen. Ich wurde von einem Rentner aus Belfast gekauft. Damals war der Konflikt noch aktuell. Gruselige Zeiten. Mein Besitzer war Protestant, also war das natürlich auch die Seite, auf der ich stand... Politik langweilt mich, können wir über was anderes reden?
Natürlich, lass uns das Thema wechseln. Der Typ war mein Opa, stimmt’s?
Ja, das war er. Guter Mann. Old Spice und Pfeifentabak. Fesche Klamotten. Weisst du, das war ein guter Einstieg ins Leben. In den sechs Jahren, in denen er mich hatte, haben wir zusammen gut 30.000 Kilometer zuückgelegt und auf meinem Rücksitz hast du in der ganzen Zeit nicht einen Krümel finden können. Es war grossartig. Ausserdem hat er den Aschenbecher nicht mal angefasst.
Wer kam danach?
Nachdem dein Grossvater gestorben war, hat deine Mutter mich zum Pendeln genommen. Das habe ich gehasst, jeden Morgen zu den unmenschlichsten Uhrzeiten im Stau zu stehen und ihre Kirchenmusik anzuhören und danach den ganzen Tag draussen auf dem Fabrikparkplatz herumzustehen. Meine einzige Gesellschaft bis deine Mutter mit ihrer Schicht fertig war, war ein Köter der mir hin und wieder gegen das Hinterrad pisste.
Wie waren die Fahrkünste meiner Mutter so?
Für eine Blondine erstaunlich gut. Abgesehen von ein paar kleinen Beulen hat sie ziemlich gut auf mich Acht gegeben. Vielleicht war doch was dran an der ganzen Jesusmusik. Ausserdem hat sie auch die Finger von Zigaretten gelassen. Du hättest aus meinem Aschenbecher essen können.
Und was kam als Nächstes?
Na ja, du. Du hast mir zwei Fahranfänger-Aufkleber verpasst und alle deine Freunde zum Ketterauchen in mir eingeladen. Innerhalb von ein paar Monaten hatte ich zerkratzte Türen, einen lockeren Seitenspiegel und jede Menge Müll auf meiner Ablage. Ich sah aus wie etwas, das du aus dem Meer gefischt hast.
Tut mit leid. War es echt so schlimm?
Ob es so schlimm war? Du bist in Antwerpen rückwärts in einen Holzzaun gebrettert auf einer Strasse die so breit war, dass du einen LKW hättest wenden können, du Trottel. Von den ganzen Parkhauskratzern will ich gar nicht erst anfangen.
Aber wir hatten doch auch gute Zeiten miteinander, oder?
Du meinst das eine Mal, als deine Mitbewohnerin mich mit dem Schlüssel zerkratzt hat?
Hey, das war ein Missverständnis. Sie dachte du gehörst unserem Vermieter. Was ist mit deiner Zukunft? Was für ein Typ Besitzer hättest du gerne?
Vielleicht jemand, der meinen Rücksitz zu nutzen weiss.
Was meinst du damit?
Hast du schon gesehen, wie weit man ihn zurückklappen kann? Mann, das ist mindestens so gut wie ein verdammtes Kingsize-Bett, wenn du die Gurte zur Seite ziehst. Ich will dass mein nächster Besitzer es drauf hat mit dem Abschleppen.
Das hatte ich doch.
Jedenfalls nicht so, dass ich was davon mitbekommen hätte. Mit deiner Hand unter einem T-Shirt von jemandem einzupennen zählt vielleicht bei deinen Pussyfreunden was, aber nicht bei mir. Diese Augen haben zu viel gesehen.
OK, lass uns das Thema wechseln. Bist du schnell?
Gehen Bären im Wald kacken? Diese vier Räder sind schneller als ein Hot Snot.
Wie steht es um dein Aussehen? Meinst du, du kannst deinem Besitzer dazu verhelfen, jemanden flachzulegen?
Frag deine Mutter!
Wie bitte?
Na ja, wahrscheinlich hätte ich ein paar Bettgeschichten klarmachen können, wenn du keinen Lolli aus mir gemacht hättest.
Gefällt dir der Lack nicht?
Kein bisschen, Picasso. Wenn es nicht die Homophoben sind, dann sie Hippiehasser und wenn es die nicht sind, dann regt sich bestimmt irgendeine Nachbarschaftswache darüber auf, dass ich ein mobiler Kindergrabscher bin. Das Design hat mir wirklich Null Freunde gemacht.
Also hast du überhaupt irgendene gute Erinnerung an unsere zwei gemeinsamen Jahre?
OK, OK, da war dieses eine Mal, als deine Freundin mich nach einem Festival nach Hause fuhr und du immer noch voll warst. Ich mochte sie. Wie konntest du das bloss in den Sand setzen?
Frag sie.
Jedenfalls trug sie dieses Sommerkleid und sah richtig gut aus. Aber das beste waren diese abgefuckten Sandalen die sie trug. Ich weiss noch, wie sie auf halbem Weg aus ihnen herausrutschte und dann nichts mehr meine Pedale von ihren kleinen, nackten Füßen trennte.
Versuchst du mir gerade zu erzählen, dass deine Lieblingserinnerung an unsere gemeinsame Zeit die ist, wo meine Ex-Freundin dich scharf gemacht hat mit ihren Füssen, die drei Tage lang auf einem Festival in irgendwelchen halb-verrotteten Sandalen gesteckt hatten?
Da haben wir es schon wieder, es macht mich an.
Du bist krank.
So bin ich nun mal.
Was meinst du, was ich für dich kriegen kann?
Wenn du Glück hast, einen feuchten Händedruck.
OK, ich will diese Karre echt loswerden. Es ist ein Nissan Almera, ein Rechtslenker, der elf Jahre auf dem Buckel hat und gerade in Berlin steht. Er hat 109.000 Kilometer auf dem Tacho und eine reiche Auswahl an Schnickschnack auf dem Armaturenbrett. Das Lackdesign stammt vom Graffiti-Künstler Maser. In Dublin ist der ganz schön angesagt, nur dass du Bescheid weisst. Wenn du ein Angebot abgeben willst, schreib mir eine Email an conorcreighton@gmail.com.
CONOR CREIGHTON
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