Mein Leben als Rockstar währte exakt einen Sommer lang. Für einen Sommer war ich eines der drei Mitglieder von The Hop, der angesagtesten Band Torontos. The Hop waren heisser als die Libertines; im Vergleich zu uns waren die Strokes kalter Kaffee und die White Stripes in der Mikrowelle angetaute Tiefkühlerbsen. Grün, jämmerlich und durchgesabbert lungerten sie neben unserer phosphorierenden Präsenz auf den unteren Chartsrängen herum. Wir waren umjubelt, begehrt, unsere Gesichter allgegenwärtig. Jedes Mädchen in Barcelona kannte uns, und wir hätten jede haben können. Es gab da nur ein kleines, eigentlich irrelevantes Detail. Es gab meine Band gar nicht.
Es geschah inmitten von kleinen, braungebrannten, muskulösen Spaniern. Ich war gerade in Barcelona, es war Hochsommer, und die Hitze produzierte Hundertschaften von kleinen, muskulösen, braungebrannten Spaniern. Es war eine Invasion. So, wie du dir China vorstellen würdest, wenn Chinesen kleine, muskulöse, braungebrannte Spanier wären. Selbst fette amerikanische Touristen mutierten nach zwei Tagen zu Bademodenmodels. Ausnahme: ich. So sehr ich mich auch abmühte, ich blieb das Gegenteil davon: ein großer, dünner, blasser Tourist.
Wahrscheinlich sprach der Typ mich deswegen an. Er sei von einem Magazin names Suite, sagte er. Ich sass auf einer Treppe, abseits der Touristenschwemme der la Rambla, und glaubte ihm erst kein Wort. Ganz klar eine Taschendiebtricknummer, dachte ich und umklammerte meine Kamera. Ob ich Lust habe, bei einem Shooting mitzumachen, fragte er. Ich schüttelte den Kopf und hielt meine Kamera fest. Für NIKE, sagte er. Ich schüttelte den Kopf und hielt meine Kamera fest. Ich hatte fest vor, ihn schnellstmöglich abzuwimmeln. Obwohl ich auf alles, was er sagte, mit stoischem Kopfschütteln reagierte, drehte er mir seine Nummer an. Ich war erleichtert, als er verschwand, lockerte die Finger und machte, dass ich zurück zu meinen Leuten kam. Die sagten, sie würden das Magazin kennen, aber das könne nicht sein. Es sei momentan das hipste Blatt der Stadt, und ich sei zwar ganz hübsch, aber so? Könne ich vergessen. Der Typ müsse mich verarscht haben. Ich rief ihn an. Ein paar Tage später stand ich in NIKE-Klamotten in einer leeren Fabrikhalle in einem verlassenen Industrieareal vor der Kamera. Es hatte sich herausgestellt, dass Suite TATSÄCHLICH das angesagteste Blatt Barcelonas war. Zusammen mit zwei andere "Models", einer dünnen, blassen Argentinierin und einem dünnen, blassen Skandinavier, war ich in einen Transporter gesperrt und halbe Ewigkeiten herumgekarrt worden, bis wir in einer alten Fabrikhalle ausgeladen wurden und ein irgendwie hysterischer Fotograf uns in pseudocoolen Posen ablichtete. Ich liess es über mich ergehen und buchte das Ganze als lukrativen Ferienjob ab.
Als ich am Tag meiner Rückkehr nach Deutschland in den Briefkasten sah, lag dort ein Umschlag mit drei Ausgaben des Suite-Magazines. Wir waren auf dem Cover. Zwei Seiten weiter gab es einen langen Artikel über uns.
Da steht, wir sind The Hop, die Newcomer des Jahres, von 0 auf 5 in den spanischen Charts. Ja, ich war auch überrascht. Besonders, als ich erfuhr, dass ich Bassist (oder Keyboarder, sie war sich nicht sicher) bin. Spielt eh keine grosse Rolle, weil ich weder noch spielen kann. Wir waren (laut Suite ) pro-Feminismus, und unsere Hitsingle hiess "Girl, you're not just a pussy". Vielleicht ganz gut, dass es ihn nicht wirklich gab. Trotzdem: wir waren berühmt. Ich war über Nacht ein Rockstar geworden. Der unmusikalischste Rockstar aller Zeiten–OK, nach Pete Doherty vielleicht.
Den ganzen Sommer hingen überall in Spanien riesige Anzeigen mit uns und den gefaketen Charts darauf aus. Sonst bekam ich leider nicht viel von meinem exzessiven Stardasein mit. Mit meinen Bandkollegen verband mich vorallem eines—tausende spanische Groupies wollten mit uns schlafen, und wir hatten absolut nichts davon. Tja, scheisse gelaufen. Trotzdem frage ich mich seitdem regelmässig, ob es Radiohead und Franz Ferdinand wirklich gibt, oder ob sie auch nur ein Promogag sind. Wahrscheinlich ist Morrissey in Wirklichkeit ein polnischer Bauarbeiter. Bedeutet allerdings auch: Mit etwas Glück haben sie sich Coldplay nur ausgedacht. Es besteht Hoffnung.
MISCHKA BLOCHWITZ
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herrlich! es stimmt, Coldplay gabs nie. aber ich hör mir die the hop-platte immer noch gerne an.
mein heimlcher hit: "i´m not a short dick man"
Kommentiert von: GW | 28. August 09 um 01:12 Uhr