Gegen wirklich, wirklich schreckliche Schmerzen helfen angeblich nur noch grössere Schmerzen. Deine Aufmerksamkeit verteilt sich, und die einzelnen Eindrücke sind weniger intensiv. Du solltest das vielleicht nicht unbedingt an deiner bettlägrigen Erbtante ausprobieren, aber trotzdem ist an der Theorie bestimmt etwas dran. Noch nützlicher wäre es, wenn das auch mit den Schmerzen anderer Leute funktionieren würde. Nehmen wir an, du hast Kopfschmerzen. Mach es wie ich: lehne dich zurück und stell dir vor, wie deiner Chefin, die dich beispielsweise rausgeschmisse hat, um Leute auf der Straße über ihre übelsten Schmerzerfahrungen auszufragen, langsam glühende Nadeln unter die Fingernägel getrieben werden. Du wirst sehen: es geht dir sofort besser.
Erzähl mir mal von einem Erlebnis, bei dem du richtig, richtig schlimme Schmerzen hattest!
Kathi: Okay - zählt eine Weissheitszahn-OP?
Nein. Nächster Versuch!
Ok, ich hab mir mal den Mund mit einem basischen Putzmittel verätzt, weil ich es für Zahnpasta gehalten habe. Das war echt eklig.
Das klingt echt schrecklich. Wie hat es sich angefühlt?
Als ob jemand mir permanent und unendlich langsam die Haut von der Zunge abgezogen, sie gebraten und dann mit Essig beträufelt und wieder fest getackert hat.
Irrks. Aber ganz ehrlich, wenn du sowas Dämliches machst, hast du es irgendwie verdient.
Na danke. Aber immerhin war es eine gute Diät. Schau dir meine Beine an.
Nicht schlecht. Vielleicht versuch ich das doch mal.
Hallo! Ich mache eine Umfrage zum Thema Scherzen.
Haha, da bist du hier richtig.
Das hab ich mir gedacht. Also, leg los. Ich bin gespannt.
Naja, beim Tätowieren ist das schlimmste der Arsch. Es gibt da unendlich viele hochempfindliche Nervenenden, und sogar harte Typen jaulen wie ertrinkende Kätzchen, wenn sie sich dort etwas stechen lassen. Du bist übrigens schon die Zweite, die nach dem Thema fragt.
Was meinst du damit?
Vor einer Weile war mal ein Student da, der sagte, er wolle etwas über "den Schmerz" herausfinden, für seine Diplomarbeit. Und ich habe ihm ein paar Bilder, und dann fragt er...
Ja?
... ob ich auch ohne Farbe stechen kann. Ich sag ihm: Ja, klar, und dann hat er sich ein Motiv ausgesucht, ein riesiges Ding, und es sich auf den Oberschenkel tätowieren lassen.
Ohne Farben? War das nicht ein bisschen viel Aufwand, nur, um zu leiden?
Haha, naja, ich setzte die Nadel an und wartete darauf, dass er "Stopp!" schreit und wegläuft. Aber er krümmte sich nur ein bisschen und stöhnte - ich dachte, vor Schmerzen, doch dann merkte ich, dass er total drauf abgeht. Die kleine perverse Sau.
Erzählt mir von einem Schmerz, den ihr niemals wieder spüren wollt.
Martine: Ich hab mir mal das Bein gebrochen. Bei einem Unfall.
Laura: Darüber will ich nicht reden ...
Warum? Durchlittene Schmerzen sind doch etwas Heroisches.
Laura: Es war eine ... Operation. Da, wo der Darm aufhört.
Verstehe. Reden wir über etwas anderes. Habt ihr mal jemanden verletzt?
Martine: Nein, nie.
Laura: Ähm, ja. Bei einem Motorradunfall.
Marine: Sie war das mit dem Bein.
Was war der abartigste Schmerz, den du je aushalten musstest?
Als in mir in Afghanistan mein linkes Bein abgehackt wurde.
Ähm.
Ich weiß, was du sagen willst - "Du hast doch beide Beine!"
Ja, das ist mir in den Sinn gekommen.
Das liegt daran, dass ich danach in eine Zeitschleife geraten bin, die mich zu dem Moment zurückkatapultierte, bevor mein Bein abgehackt wurde. Darum gibt es mich jetzt zweimal. Einmal mit und einmal ohne Bein.
Alles klar. Stellst du mir den Typ ohne Bein bei Gelegenheit mal vor?
Kann ich machen, aber ich bin der bessere Interviewpartner, denn während der Zeitschleife musste ich aber fünfzigmal den Schmerz der Amputation durchleben, wie bei Nietzsches Theorie der ewigen Wiederkehr - das war das Krasseste, das du dir vorstellen kannst.
Du tust mir unglaublich leid. Spinner.
"der Typ, um den am Alex zehn Minuten lang vier Polizisten im Kreis standen", ca. 30
Hey, sag mal, wie kam es, dass diese Polizisten um dich rumstanden? Was hast du verbrochen?
Oh, die haben mich mit jemanden verwechselt.
Mit wem denn?
Das geht dich nichts an.
Okaaaay. So, ich mache eine Umfrage. Hast du dich mal so richtig schlimm verletzt?
Absichtlich meinst du?
Egal, es geht um den Schmerz, der dir am stärksten in Erinnerung geblieben ist.
Naja, meine Freundin und ich haben mal LSD genommen und dann versucht, uns zusammenzunähen.
Wie romantisch! Aber ich glaube, du lügst.
Nein, im Ernst. Zuerst haben wir ein Kuscheltier zerfetzt, und dann hat meine Freundin das Nähzeug geholt, um es zu retten - wir waren schrecklich verliebt, und sie sagte, sie lässt mich nie wieder gehen. Das sei für die Ewigkeit. Dann hat sie die Nadel durch meine Haut und durch ihre Haut gestochen, am Unterarm, und uns mit vier Stichen zusammengenäht.
Oh yes. Und ich dachte immer, ich klammere. Wie fühlte sich das an?
Auf LSD spürst du alles viel intensiver, und ich musste mich echt zusammenreissen, nicht loszuheulen. Dabei haben die Fäden nur eine halbe Stunde gehalten, bevor wir sie uns versehentlich aus der Haut rissen. Es hat kaum geblutet, aber tat höllisch weh.
Kann ich mir vorstellen ... seid ihr noch zusammen?
Nein. War wohl doch nicht für die Ewigkeit bestimmt.
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