Sybille Bergemann ist die Ikone der DDR Modefotografie. Eine Ikone der Streetfashion Fotografie, bevor Streetfashion überhaupt erfunden wurde. Eine Ikone in einem Land, in dem es neben Lenin, Karl Marx und den Helden der Arbeit eigentlich keine Ikonen hätte geben dürfen und in dem die Mode vom staatlichen Vorgaben diktiert wurde. Wir haben uns mit Ihr über Do it Yourself Mode, die Mauer und Plastikkleider unterhalten.
VICE: Was macht für Sie ein gutes Foto aus?
Ich wollte anfangen zu fotografieren, um Menschen zu porträtieren, deshalb bedeutet es für mich, etwas für eine Person typisches zu zeigen, so dass ein Fremder eine Vorstellung vom Charakter bekommt.
Haben Sie sich ihre Models selbst ausgesucht?
In der DDR gab es keine Model Agenturen. Nur wenige Mädchen haben professionell gemodelt. Ich habe meine Mädchen entweder auf der Straße gesucht oder Freunde fotografiert.
Haben die einem bestimmten DDR Schönheitsideal entsprochen?
Die Frauen in der DDR wollten genau so schön und chic sein wie die anderen auf der ganzen Welt. Wir haben versucht unseren Frauen den internationalen Trend zu vermitteln. Dabei ging es nicht nur um Klamotten, sondern auch um Haare und Make Up.
Die Sachen, die gezeigt wurden, gab es also nicht im Laden zu kaufen oder?
Das war das Problem. Ziemlich oft haben wir Sachen zusammengetragen, von denen wir wussten, dass sie neu sind oder selbst entworfen. Es gab natürlich keine hochgestylten Sachen wie in der Vogue. Ein wichtiger Punkt war, dass es nicht um Geld ging, deshalb waren wir freier. In Ausnahmefällen hatten wir aber auch Westklamotten. In der Bildunterschrift stand: als Anregung oder zur Information. Es gab immer Ärger, weil die Frauen, die Sachen kaufen wollten.
Wie war die Mode in der DDR normalerweise?
Grauenhaft, die Vereinigung Volkseigener Betreibe. Die Sachen warenschrecklich. Ich erinnere mich an ein Sommerkleid, das war wie aus Plastik. Ein wichtiger Punkt war aber, dass es nicht um Geld ging, deshalb waren wir freier.
Gab es Vorgaben von der DDR was und wie Sie fotografiert sein sollten?
Nicht wirklich. Alles sollte nur schön optimistisch sein. Wir haben damals eigentlich immer geklagt, aber heute rückblickend betrachtet, finden wir, dass wir Glück gehabt haben.
Es gab also Tabus?
Auf jeden Fall. Aber was Aktfotographie betrifft waren wir offen. Aber ich habe zum Beispiel kein Foto von der Mauer. Das hat man nicht gemacht.
Sie haben in ihrer Wohnung viele internationale Gäste empfangen, wie zum Beispiel auch Helmut Newton.
Helmut Newton war in den 70er Jahren zu Besuch und wir sind den ganzen Tag mit ihm in unserem Ostauto in der Stadt herumgefahren. Abends haben wir Wein, den Helmut Newton im Intershop gekauft hat getrunken Helmut war total fasziniert von den Ostprodukten. Am Zeitungsstand wollte er Magazine kaufen und die Verkäuferin wusste gar nicht was gemeint war. Im Westen wurde Newton zu dem Zeitpunkt von den Feministinnen angegriffen. Als er uns seine Bilder gezeigt hat, haben wir nur darüber gelacht.
Wurden Sie von der Stasi überwacht?
Das Gefühl hatten wir die ganze Zeit über. Es knackte im Telefon und wir haben lange geschimpft über den, der da mitgehört hat. Wenn zum Beispiel Eva Windmüller, die Frau von Thomas Höpker aus New York angerufen hat und etwas sehr vorsichtig am Telefon sagen wollte, ist mir der Schweiß ausgebrochen, weil ich dachte, dass ich abgeholt werde.
Sie waren aber denoch viel im Ausland.
Ja, aber für die Reisen musste man kämpfen und dann war es auch nicht einfacher. Ich hatte natürlich kein Geld und konnte mir gerade mal Kaffee kaufen, aber deshalb habe ich bei meinem Paris und bei meinem New York Besuch auch so intensiv fotografiert wie noch nie. Man wusste ja nie ob man noch einmal rauskommt und wollte denen zuhause zeigen, wie es da aussieht. Ich erinnere mich auch, dass, als ich aus Paris zurückgekehrt bin, ziemlich durcheinander war.
Haben Sie über Flucht nachgedacht?
Ja, ich wollte weg. Mein Mann, Arno Fischer, wollte aber nicht, also bin ich in Berlin geblieben.
Sie arbeiten nun an einer Modestrecke in Berlin, wollen Sie immer weiter fotografieren?
Ja, das geht nicht anders.
Sybille Bergemann ist Gründerin der Fotoagentur Ostkreuz
Interview: Martina Kix


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