Pedreiras ist das Zuhause des legendären Baiao-Komponisten João do Vale und eine der Städte von Maranhão, die am schlimmsten von den letzten Überschwemmungen getroffen wurde, die 100.000 Leute im Staat zu Obdachlosen gemacht haben. Ich habe gerade Cachaça getrunken in der Intellektuellen/Bohemian Bar der Stadt (was im Nordosten von Brasilien so viel heißt wie, Männer im mittleren Alter tragen enge Jeans, Anzughemden und ziemlich viel Goldschmuck). Es war eine lange, alkoholdurchtränkte Nacht und ein Einheimischer erzählte mir Folgendes: „Diese Überschwemmung ist nur wegen diesem beschissenen Damm passiert, den José Sarney in den 80igern auf dem Flores-Fluss gebaut hat. Das Geld haben sie damals zusammengesammelt, weil es ein Wasserkraftwerk werden sollte und außerdem über ein Schutzsystem vor Überschwemmungen und eine Bewässerungsanlage für Ananas- und Papayaplantagen verfügen sollte. Das Problem ist nur, dass die Arschlöcher nie damit fertig geworden sind. Aus dem Bewässerungsprojekt ist nie etwas geworden, weil die Rinderfarmer ein Problem damit hatten. Das Wasserkraftwerk haben sie auch nie gebaut. Sie haben einfach nur Millionen von Dollar auf ihre Privatkonten auf den Cayman-Inseln überwiesen und das Flores-Tal überschwemmt. In den letzten 20 Jahren hat sich keine auch nur die Mühe gemacht, das Ganze zu warten.“ Die Situation dort ist wirklich alles andere als gut. Lest weiter, wenn ihr mehr über die Geschichte das Staates erfahren und noch ein paar mehr Fotos anschauen wollt...
Maranhão ist der ärmste Staat Brasiliens. Ex-Präsident José Sarney übernahm 1966 die Verantwortung für die Oligarchie des Staats. Als er während der Militärdiktatur an die Macht kam, besorgte er sich eine Reihe von Luftaufnahmen und nahm dann einen Stift und verteilte große Stücke von Land an Bauern aus den umliegenden Staaten. Er verteilte das Land wie es ihm passte und die Leute, die ihren Lebensunterhalt durch Forstwirtschaft bestritten, wurden einfach so aus dem Wald verbannt und mussten danach auf den dünnen Landstrichen zwischen den Farmzäunen und der mit Schlaglöchern übersäten Autobahn leben. Vierzig Jahre später stehen immer noch überall diese Häuschen aus Taipa, einem Baumaterial aus Schlamm, mit dem man Äste verklebt. Das ist einer der Lieblingsplätze des Chagas-Käfers, der dich beißt und dann zehn Jahre später durch ein Lungenversagen zu Grunde richtet.
Sarney wurde in den 70igern zum Anführer der offiziellen Militärpartei des Senats. Als die Demokratie endlich in das Land zurückkehrte, wurde er 1985 zum ersten demokratisch gewählten Vizepräsidenten. Der Präsidentschaftskandidat starb auf mysteriöse Art und Weise am Abend seiner Vereidigung und deshalb wurde Sarney als Präsident eingesetzt. Fünf Jahre später, als die Inflation sich in ungesunden Ausmaßen von 1000% pro Jahr bewegte, war Sarney so unbeliebt, dass er nirgendwo mehr in die Öffentlichkeit konnte, ohne dass er mit Steinen beworfen wurde. Ein Schuh wäre da noch ein Kompliment gewesen. Er ist der letzte der brasilianischen „Coloneis“—den Männern fürs Grobe, die traditionell die Medien in ihren Staaten kontrollieren. Er hat einen Sohn in der Kommunistenpartei untergebracht und den anderen zum Priester gemacht, nur um sicher zu gehen, dass er beide Lager auf seiner Seite hat. Heute ist Sarney Präsident der brasilianischen Literatur-Akademie (wegen seiner vielen Bücher) und er ist jetzt zum dritten Mal in seinem Leben Leiter der Senatsmehrheit und repräsentiert aktuell den Staat Amapa, in dem er selbst nie gelebt hat.
Maranhão, so sagen sie, ist der einzige Staat mit vier Senatoren: die drei Anhänger und der alte Mann selbst. Wenn du nach São Luis, der Hauptstadt von Maranhão, fährst, kommst du auf jeden Fall am Marly Sarney Krankenhaus vorbei, das nach seiner Frau benannt ist. Dann noch am Roseana Sarney Gerichtsgebäude—benannt nach seiner Tochter—und schlussendlich fährst du noch über die baufällige José Sarney Brücke, die zum Merces Konvent führt, das Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Dort hat Sarney das José Sarney Museum gebaut und plant angeblich auch sein Mausoleum.
Sarney hat drei Kinder. Seinem Sohn Fernando gehören die meisten Medienkanäle des Staates und außerdem die Globo TV Franchise-Kette. Früher gehörte ihm das staatliche Elektrizitätsunternehmen und er ist Vizepräsident der notorisch korrupten und einflussreichen brasilianischen Fussball-Föderation. Seine Tochter Roseana war mal Gouverneurin, aber mittlerweile arbeitet sie nur noch im Senat. Sein anderer Sohn, der nette, stümperhafte José Sarney Filho ist nationaler Vorsitzender der Grünen. Er war der Umweltminister, der unter Fernando Henrique Cardoso die Menge des Amazonas-Regenwalds, der unter Schutz steht, halbiert hat.
Und so sieht der Staat dieser Familie jetzt aus…
Major Saraiva ist Feuerwehrmann und Leiter des Zivilschutzes im Katastrophengebiet. Ich frage ihn, wie es so läuft und er sagt mir, „Stell dir eine Stadt vor, die zu 90% unter Wasser liegt. Was meinst du wie es da läuft?“ Er lächelt freundlich und reicht mir eine Kopie des letzten Katastrophenreports.
Hunderte zerstörter Häuser…
23.000 Leute leben in Notunterkünften…
Scheiße aus den offenen Abwasserkanälen der Stadt mischt sich mit dem Wasser aus der Überschwemmung…
Schlammlawinen.
Saraivas Handy klingelt und er fängt an zu schreien, „Das Problem ist, dass hier überall diese gierigen Vampire versuchen, aus der Misere Profit zu schlagen und zwischen den Leuten auf ihren undichten Kanus hin und herpaddeln. Schwimmwesten hat auch keiner.“
Ich bin hier, um die Krise zu beurteilen und mein Freund Ronaldo verhandelt mit einem Team von „gierigen Vampiren.“ Wir springen in ein motorisiertes Kanu und überqueren den reißenden Fluss um in die größte Flutzone zu kommen.
Kinder vergnügen sich damit, von Bäumen aus ins Flusswasser zu springen, egal ob sie sich dabei Darmparasiten oder die Krätze einfangen. Das Ganze ist wie verlängerte Ferien, weil die Schulen überschwemmt sind.
Die meisten Leute haben sich offensichtlich dazu entschlossen, einfach in ihren überschwemmten Häusern zu bleiben. Die überschwemmten Bars sind voll mit durchweichten Betrunkenen.
Kinder spielen im Wasser, Teenager angeln und trinken Cachaça, während ältere Leute ihre Einkäufe oder ihre Wäsche herumtragen.
Später am gleichen Tag nimmt mich Major Saraiva mit zur Gesundheitsbeauftragten der Gemeinde und zum Sozialbeauftragten im Bürgerhaus. Die Gesundheitsbeauftragte ist eine umwerfend schöne Krankenschwester aus der Hauptstadt. Sie reicht mir eine Liste mit allen diese Woche unter den 15.000 Bewohnern der Asyle diagnostizierten Krankheiten. Darauf stehen Sachen wie, „Krätze: 384 Fälle; Durchfall: 411 Fälle; Würmer: 465.“
Als die Frau des Bürgermeisters, die auch im Stadtrat ist, ihren Angestellten befiehlt uns Caju-Saft zu holen, frage ich die Beauftragten, was wir mit einer Spende im Wert von 30.000 US$ machen könnten, die für ein Disaster von diesem Ausmaß sowieso eher gering ist (Die US-Regierung hat beeindruckende 50.000 US$ zur Verfügung gestellt). Mir wird gesagt, „Frische Handtücher, um die Krankheitsverbreitung einzudämmen, Dixie-Klos, Hygienartikel für Frauen, Kleidung und Medikamente.“
Die Frau des Bürgermeisters unterbricht uns, „Wissen sie, viele Menschen wollen uns unterstützen, aber haben einfach nicht die Zeit, sich um die Details zu kümmern.“ Sie reicht mir einen Überweisungsschein, der bis auf den Betrag komplett ausgefüllt ist. „Deshalb haben mein Mann und ich dieses Konto eröffnet. Würden sie gerne etwas überweisen?“
BRIAN MIER


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