Das sind Konstrukt, live im Audimax 1996, auch bei einer Besetzung. Foto: Daniel Eberharter
Der Protest, die Audimaxbesetzung. Das Leitmotiv. 90er Hardcore-Punks und der Zynismus. Misiks Elite. Containment. Wir haben einiges zu sagen.
Überraschend ist, dass Menschen, die eigentlich Punk sind und durchaus politisch motiviert durchs Leben schreiten, bei diesem Uniprotest nicht mitmachen. So richtig gar nicht nämlich. Nun räumen wir natürlich jedem und jeder das Recht ein, freiwillig entscheiden zu können, wen und was sie aus welchen Gründen unterstützen wollen, aber wenn wir ehrlich sind, so müssen wir schon sagen, dass all jene, die hier nicht mitmachen wollen, einen reaktionären Schuss an der Waffel haben. Denn es geht hier nicht um Studierende alleine. Das wirklich reizvolle an der Sache ist die Absage vom ganzen neoliberalen Scheiß wie Leistungsgesellschaft, Marketingfuck, Kohlemachen.
Und das alles bezeichnenderweise absolut ohne einer Vereinnahmung durch so unglaublich unnötigen politischen Gruppierungen wie Kommunisten oder Trotzkisten oder Realos. Die Reaktion auf Wortmeldungen jener Leute ist fabelhaft: Denn sobald ein Kommunist (Beispiel, und meistens sind es Männer) zu Wort kommt, dann darf er oder sie auch brav ausreden. Aber der Applaus fällt – wenn überhaupt – sehr mau aus. Es ist ein Akt der plakativen Langweilsaggression, und sie funktioniert großartig. Wenn uns knappe 15 Jahre Internetzeitalter und Usertum etwas gelehrt haben, dann eines: Do not feed the troll. Es ist das beste Leitmotiv für eine Bewegung.
So weit, so gut. Wir waren in diesen Wochen oft im Audimax, auch im C1, an der Bildenden, an der TU. Einige von uns – ich meine mich – haben das Wort Plenum schon vor etlichen Jahren kennengelernt. Im EKH zum Beispiel, oder im Sacro Laden („V.E.B. Sacro“) auf der Neustiftgasse. Im EKH gab es jeden Donnerstag ein Plenum, bei dem Leute vorbeischauen konnten, um zu fragen, ob sie im EKH Konzerte veranstalten dürfen. Dort wurde erörtert, wer die Band ist, dann entschieden.
„So emo halt, also wie Rites of
Spring
ungefähr, nur schreien sie mehr“.
„Aha“.
„Sie haben auch politische Texte und
sind alle vegan“.
„Passt.“
Es wurde immer positiv entschieden, denn das Konzertkollektiv, bei dem ich mitgewirkt habe, hatte ja bewusst die Bands im EKH spielen lassen wollen. Uns gefiel es dort.
Diese EKH-Plena waren zum Teil jedoch recht anstrengend, weil natürlich jede/r etwas zu sagen hat, aber selten ein Konsens möglich oder gar erwünscht war. Anarchopunks sind im Grunde sehr eigenwillig und sehen es (mitunter zu Recht) als selbstverständlich, dass die eigene Meinung eben die eigene ist, und wer damit ein Problem hat, soll halt ein Problem damit haben. Das stimmt durchaus. Es gab dann lieber Enthaltungen, I guess. Aber so lässt sich schwer etwas gemeinsam entscheiden, und wenn, nur mühsam.
Im Audimax sind die Plena differenzierter und reflektierter, aus dem Grund, weil sich keine Szene, keine vorher definierte Cliqué, organisieren muss, sondern Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, sich nachher wahrscheinlich nicht kennen werden, die sonst nicht viel gemeinsam haben. Und das ist eine wunderbare Sache, denn es kommt bei jedem Plenum zu einer Entscheidung, die aber nicht durch die Mühlen geprescht wird, sondern geduldig und behänd diskutiert wird. Das, liebes Audimax, ist mehr als Gold wert. Schreibt es euch auf.
Denn dies steht im Gegensatz zu Robert Misiks Idee mit der Ausbildung. Martin Blumenau sprach dies am Freitag in seinem Vortrag im Audimax ebenfalls an und bekräftigte zu meiner Verwunderung Misiks Lob mitsamt seiner Kondeszenz, dass, sinngemäß, die Leute, die jetzt hier im Audimax in der Presseabteilung oder bei einer der AGs mitmachen, die ganz wichtigen von morgen sein werden, von PolitikerInnen bis zur JournalistIn. Blumenau prophezeite, dass einzelne Leute vor allem AG Presse mit Sicherheit bald schon von diversen Medien abgeworben wird. Dass er dies nicht als Gefahr für die Bewegung sieht, als potentielles Spaltungsinstrument, verwundert mich, denn ich schätze seinen Weitblick und Durchblick sehr.
Diese Aussagen also werden von beiden als Lob gebracht, als „wichtigste Erfahrung“ dieser Besetzung. Jedoch dem so nicht ist. Wer so denkt, denkt an die Elite und an die Leistungsgesellschaft. Denkt ans „sich profilieren“, denkt an seinen CV. Denkt an Karriere. Wer solche Ideen an das Audimax füttert, erntet junge Leute, die eben genau das machen wollen; die vielleicht nicht so ganz verstehen, was freie Bildung bedeutet, oder was denn eigentlich ein prekäres Arbeitsverhältnis der Lehrenden sein soll, aber die für eine Woche Presse- oder IT-Arbeit machen wollen, um „etwas zu lernen“. Stichwort „Bildung statt Ausbildung“, erste Forderung im Katalog. Get it? Denn hätten wir damals im EKH, Tüwi und TU-Club Konzerte veranstaltet nur als stepping stone in eine Promoterkarriere, dann würde ich mich jetzt noch vor mir selber ankotzen. Leute machen das weil sie wollen und eine Szene unterstützen, und so soll es auch sein.
Lasst euch nicht einreden, das nur die, die mitmachen, etwas Wert wären. Es setzt voraus, dass nur Menschen, die keinen 9-5 Shitworker-Job abhackeln müssen und deshalb die geschätze Zeit für AGs haben, einen höheren Wert hätten als jene, die nur alle zwei Tage für 2 Stunden vorbeischauen können. Oder Menschen, die aufgrund Krankheit, Behinderung, Anxiety Disorder oder sonst etwas nicht mitmachen können oder wollen. Das wichtigste an diesem Protest ist und bleibt: Alle. Das ist das Plenum, der Webstream, die 2 Dosen Bohnen, die jede/r früher oder später der Volksküche spendet. Es sind die Fünfzigtausend Watt des guten Willens, heller als tausend Sonnen.
Am Plenum darf nicht gerüttelt werden, es ist das wichtigste Instrument, die schönste Entscheidungsfindung. Das Plenum funktioniert. Die Leute da draußen, Politiker, Journaille, Polizei scheißen sich genau deshalb maßlos vor dem Audimax an, weil es funktioniert und sie es nicht verstehen. Und die Polizei scheißt sich ja nicht mal an, sie lobt sogar BesetzerInnen und erledigt damit nichts anderes als 1-A Öffentlichkeitsarbeit für das Audimax, gegen die Krone. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Man kann aus Sicht des alten Punks, des Hardcore-Kids der 90er, also durchaus zynisch auf diesen Protest blicken, weil die meisten der Punkte schon einmal abgehandelt wurden, zumindest jene, in denen es um Sexismus, Frauenquote, Plenum, Volksküche und Ideologie geht. Für viele der Kids sind diese Themen Schnee von gestern, weil sie sich vor 15 Jahren schon damit auseinander gesetzt haben. Wozu, fragen sie sich, soll ich mir das jetzt von privilegierten Studis anhören, die eh keinen Schimmer haben?
Fakt ist, dass dieses Denken sich selber auf die Schulter klopft. Bra-vo. Und dass mit der Zeit alles korrodiert, auch das eigene politische Handeln. Eine Revolution ist permanent, sagte Trotzki or something, und darin hatte er Recht. Es tut gut, sich alle paar Meter selbst infrage zu stellen und diese Themen zu diskutieren. So oft und ausführlich wie in den letzten Wochen habe ich persönlich schon lange nicht über Sexismus, Basisdemokratie und Arbeiterklasse nachgedacht. Die 50,000 Watts of Goodwill im Audimax haben meinen Zynismus weggebrannt, und ich bin ewig dankbar.
Das wichtigste zum Schluss
Die Besetzung des universitären Raums, unseres Raums, funktioniert und rollt, und wohl nirgendwo besser als in Wien. Sobald andere Städte aufflammen, wie zuletzt in Heidelberg, dann weht gleich ein anderer Wind, und es wird gleich polizeilich geräumt. Eine Parallele liefert die Wiener Drogenpolitik, der Karlsplatz. Dort ist seit mehr als einem Jahrzent der Junkie- und Dealermarkt anzutreffen. Alle anderen Versuche der Dealer, Smack zu verkaufen (ich denke an U6 Gumpendorferstraße vor 10 Jahren oder U4 Pilgramgasse Anang bis Mitte der 90er) wurden gekillt. „Geht's am Koarlsplods“.
Denkt mal drüber nach.
Die da oben, die Universitäten, Gremien und nicht zuletzt das Wissenschaftsministerium mitsamt Exekutive hat sich an das Audimax gewöhnt und findet das eigentlich ganz süß. Es riecht sehr verlockend nach einer Strategie des Containments. Das Audimax ist nämlich eh schon verloren, sollen sie sich dort treffen, es bleibt überschaubar. Denn was passiert dereit schon im Audimax? Es werden Videoabende gemacht, Hosea Ratschiller macht ein bissl Kabarett, Bauchklang buffen sich auf der Bühne ein, Gustav rettet sanft Waale, Lissmann bezirzt (durchaus clever, ist ja schon ok) die Ö1-Hörerinnen und Hörer (live, auch gut), ATV holt sich die beste Quote ab und überholt erstmals den ORF am vergangenen Mittwoch.... Die Sache nimmt einen kulturellen Alternativbildungsauftrag an, der sehr gemütlich und überschaubar wird. Das Programm wird in der Tat immer professioneller, und wer etwas ist, kommt ins Audimax.
Dies ist gefährlich. Oder andersrum: Es ist nicht mehr gefährlich.
DANIEL EBERHARTER
Mehr zum Thema #unibrennt?
- Hey Student, wo warst du als deine Kollegen auf der Straße demonstriert haben?
Kann man das mit Misiks Ausbildung hier noch ganz kurz ausführen? Es geht um Bildung/Ausbildung - und was noch=
Posted by: twitter.com/digiom | November 07, 2009 at 02:28 PM
Stimme diesem übrigens 150% zu:
Lasst euch nicht einreden, das nur die, die mitmachen, etwas Wert wären. Es setzt voraus, dass nur Menschen, die keinen 9-5 Shitworker-Job abhackeln müssen und deshalb die geschätze Zeit für AGs haben, einen höheren Wert hätten als jene, die nur alle zwei Tage für 2 Stunden vorbeischauen können. Oder Menschen, die aufgrund Krankheit, Behinderung, Anxiety Disorder oder sonst etwas nicht mitmachen können oder wollen. Das wichtigste an diesem Protest ist und bleibt: Alle. Das ist das Plenum, der Webstream, die 2 Dosen Bohnen, die jede/r früher oder später der Volksküche spendet.
Posted by: twitter.com/digiom | November 07, 2009 at 02:29 PM
Re: Misik/Ausbildung
Ein großer Gewinn dieses Protests ist es, gegen die Verwertbarkeit eines Studiums oder einer Ausbildung oder eines Praktikums zu sein. Man wehrt sich gegen die Vorstellung, dass man nur dann arbeitet oder lernt, wenn man einen Nutzen für die Karriere daraus ziehen kann.
Und dann kommt halt Misik daher (übrigens mein einziger Kritikpunkt) und nimmt genau das als positive Erscheinung dieses Protests. "Nicht aufregen, dass diese Besetzung dem Steuerzahler so und so viel Geld kostet. Es ist doch gut investiert, denn sie lernen hier mehr als in zwei Semestern Medienwissenschaft".
Äh, nein, Robby, darum geht's eben nicht.
Posted by: twitter.com/dnlplus | November 07, 2009 at 02:39 PM
So funktioniert Neoliberalismus/Kapitalismus: Alles dem Verwertbarkeitsprinzip unterordnen. Ein Außen des Ganzes gibt es allerdings nicht - insofern finde ich die Idee der Verwertbarkeit in diesem Zusammenhang nicht grundsätzlich unzutreffend. Damit aber die Teilnahme zu legitimieren/motivieren wäre in der Tat schad.
Posted by: twitter.com/digiom | November 07, 2009 at 02:56 PM
Danke für die motivierenden Worte nach einer längeren Durststrecke...
Posted by: rip | November 08, 2009 at 02:55 AM
1. Super Text. Besonders klass: "Es ist ein Akt der plakativen Langweilsaggression" :D
2. Nur zum Thema (Aus)Bildung und Besetzung:
Es ist aber wahr. Ob es nun gewollt ist oder nicht, jene die sich den Arsch aufreissen lernen dabei sehr viel, auch etwas das sie auch für Unternehmen interessanter macht.
Das heißt ja nicht, dass diese Leute deshalb alle Prinzipien über Bord werfen müssen, den nächsten Job annehmen und die KollegInnen im Stich lassen. Das heißt auch nicht, dass sie deshalb keine PersönlichkeitsBILDUNG dort erfahren. Und ich bezweifle stark, dass das irgendjemand dort tatsächlich als MOTIV zum Mitmachen betrachtet.
Es heißt schlichtweg einfach, dass nicht nur das Kollektiv sondern auch das Individuum bei so etwas von Tag zu Tag in jeder Hinsicht besser werden.
Sich jetzt krampfhaft dagegen zu werden, dass man wohl beruflich von seinem Engagement profitieren kann, fände ich auch ganz besonders lächerlich. ;)
Posted by: Tom Schaffer | November 08, 2009 at 03:08 AM
danke tom für das zitatlob ;)
ich wehre mich ja nicht, oder würde anderen dazu raten, eine paranoia aufzureißen.
wollte aber, salopp gesagt, davor warnen, dass die besetzung nicht als praktikum gesehen werden soll.
er hat ja recht, es funktioniert ja super. gut so.
Posted by: twitter.com/dnlplus | November 08, 2009 at 02:08 PM
vice is wie dieser eine kumpel der immer nur scheiße baut und übers ficken redet und auf den parties immer der letzte ist der noch bleibt und dann auf deiner couch bier verschüttet, aber ab und zu sagt er dann etwas so gut wahres dass dir wieder einfällt wieso ihr befreundet seid.
Posted by: d.w.j. | November 08, 2009 at 02:33 PM